Styling fürs Vorstellungsgespräch? Eine Frage der Haltung!

Szenario 1

Im Besprechungsraum sitzen ein Geschäftsführer, der Organisationsleiter und ich (damals Personalassistentin) und warten auf die dritte Bewerberin des Tages für den Job des/der Abteilungsleiter/in. Die Tür geht auf und ich sehe…ROT!

rotes Kostüm auf ww.personality.de

rotes Kostüm auf www.personality.de

Herein kommt eine platinblonde Frau im roten Kostüm, deren Rock oberhalb des Knies endet und somit einen Blick auf recht kräftige Waden bietet, mit rotem Schmollmund und knallrot lackierten Fingernägeln…

Mein spontaner Gedanke (also der erste, bis heute nachwirkende Eindruck): „Die wird vermutlich nichts können, wenn sie es nötig hat, so auf sexuelle Schlüsselreize zu setzen“.

Die Herren hingegen fangen direkt an zu strahlen und sind äußerst zuvorkommend.

Nach ca. 1,5 Stunden Gespräch steht fest: Die Herren entscheiden sich für die dynamische junge Frau, die sowohl mit ihrem Selbstbewusstsein, ihrer Weiblichkeit und (zum Glück) auch vorhandener Kompetenz überzeugt hat.

Szenario 2

An einem heißen Sommertag betritt ein kräftig gebauter Herr in Stoffhose, Kurzarmhemd, Sakko und braunen Lederschuhen den Besprechungsraum. Auf Grund der hohen Temperaturen und mangels Klimaanlage in Auto und Büro sichtbare Schweißperlen auf Stirn und Kopf. Er duftet trotzdem „frisch“.

Für ein Consultingunternehmen im Finanzdienstleistungssektor ist dieser erste Eindruck durchaus eine Hürde. Zum Glück erkennt der verantwortliche Fachbereichsleiter das Potential des Bewerbers, überzeugt den Geschäftsführer, dass man am Erscheinungsbild arbeiten kann, und stellt ihn trotzdem ein.

Haltung des Unternehmens, bzw. der beteiligten Personen ist ausschlaggebend

Diese beiden Beispiele zeigen, dass ein erster Eindruck immer auch eine sehr individuelle Sache ist, unterschiedlich wahrgenommen und auch interpretiert wird (je nach Geschlecht, Vorerfahrung, Prägung…).
Und sollen Ihnen Mut machen, dass es durchaus möglich ist, trotz eines nicht für alle überzeugenden ersten Eindrucks im Laufe des Gesprächs zu punkten, wenn Sie auf ein Unternehmen treffen, das bereit ist, zu reflektieren und das ganze Bild zu sehen.

Wenn die Haltung stärkenorientiert und man davon überzeugt ist, dass Menschen grundsätzlich lern- und entwicklungswillig sind,  muss ein misslungener erster Eindruck nicht gleich das AUS bedeuten. Unbestritten ist, dass es in diesem Fall der Bewerber, die Bewerberin schwerer hat, zu überzeugen.

Wenn Sie aber authentisch agieren und z.B. Farbe bewusst einsetzen, wie die Dame in Rot, die immer ein bisschen extravagant und sehr selbstbewusst blieb, Haltung zeigen, wie der Herr, der mit seinen Schwächen hervorragend umgehen konnte, und Ihre Qualitäten kennen und diese für das Unternehmen leidenschaftlich und überzeugend präsentieren können, gelingt der Einstieg in Ihren Wunschjob wahrscheinlich trotzdem.

Fotolia 109297658_S Frau in drei Outfits fürs Vorstellungsgespräch – eine Frage der Haltung – Positiv abheben

Gewinnen Sie Sicherheit durch Kenntnis Ihrer Wirkung

Um einen gewünschten guten ersten Eindruck zu hinterlassen lohnt es sich sehr, im Vorfeld über die Wirkung Ihres Outfits nachzudenken und dann abzuwägen, welche Haltung Sie auch durch ihre Kleidung transportieren möchten. Denn grundsätzlich sagt die gewählte Kleidung auch immer etwas über die Persönlichkeit des Trägers aus: Ihre Umgangsformen, Werte, aber auch das Temperament und Ihre Haltung. Michael Argyle spricht hier von zwei grundsätzlichen Formen: Konformität und Anpassung sowie Aufsässigkeit und Aggression. Teil zwei deute ich eher als individuell und dynamisch unangepasst. Sie haben es in der Hand.

Entscheiden Sie sich für ein eher schlichtes unauffälliges Outfit, das zum Außenauftritt des Unternehmens passt, signalisieren Sie, dass Sie bereit sind, sich in Bestehendes einzufügen.

Möchten Sie als selbstbewusste Persönlichkeit mit klaren Statements wahrgenommen werden, wählen Sie ggf. tatsächlich das o.g. rote Kostüm….

Farben und ihre Assoziationen

Insbesondere Farben sind starke Kommunikatoren, da sie sowohl den Verstand als auch die Emotionen ansprechen und automatisch mit Assoziationen verbunden sind.

Zur groben Orientierung möchte ich Ihnen hier eine kurze Übersicht der gängigen Assoziationen zu Farben geben:

G E L B gilt als kreativ, verspielt, optimistisch, warm, wach, offen und extrovertiert, aber steht in Deutschland leider auch für Neid, Eifersucht, Verlogenheit und Feigheit. Es kann aufdringlich und schreiend wirken.

Bei G R Ü N denkt man an Natürlichkeit, Hoffnung, Entspannung, Ausgeglichenheit und Ruhe, ggf. auch Lebendigkeit und Harmonie. Giftgrün ist die einzig negative Assoziation, die mir geläufig ist.

R O T steht natürlich zunächst für die Farbe der Liebe und des Feuers und damit für Aktivität, Leidenschaft, Kraft, Energie, Lebensfreude, Temperament, Entschlossenheit und Durchhaltevermögen, sowie Macht, aber eben auch für Aggressivität, Aufregung, Gefahr und Erotik oder Scham.

B L A U ist die Farbe der Loyalität, Kompetenz, Vertrauen und Verlässlichkeit, sie wird der Treue, Sicherheit und Kompetenz zugeschrieben. Allerdings kann Sie auch kühl oder gar kalt, abweisend, distanziert und leicht langweilig oder unnahbar wirken.

G R A U ist ja keine eigenständige Farbe sondern die Mischung aus Schwarz und Weiß, ebenfalls Nichtfarben. Je nach Schwarzanteil kann die Wirkung von Grau sehr unterschiedlich sein. Zunächst vermittelt sie aber Neutralität, Nüchternheit, Zurückhaltung und vielleicht Nachdenklichkeit. Sie steht für Sachlichkeit, Schlichtheit, sogar Trostlosigkeit und kommt eher unbeteiligt, still, leise und im schlimmsten Fall mittelmäßig im besten Fall elegant daher (Graue Maus).

B R A U N ist aus der Historie mit Armut belegt, vielleicht wirkt es auf viele deshalb eher brav und bieder. Es kann aber auch als solide und gefestigt, bequem und angepasst gedeutet werden. In der Kombination mit Schwarz erhält es einen eleganten Touch. Es steht auch für Schwere und Zurückgezogenheit.

S C H W A R Z gehört historisch zu Personen mit hohem Status und Würdenträgern. Es steht für Prestige, wirkt vornehm, elegant und ist passend für ernste Anlässe. Es wertet andere Farben auf, macht teuer, exklusiv. Es symbolisiert Macht und Stärke, aber auch Provokation, Negation, Auflehnung, Undurchdringlichkeit, Trauer, Pessimismus und Hoffnungslosigkeit.

W E I S S wirkt vertrauenswürdig – denken Sie an weiße Arztkittel. Weiß steht für Reinheit, Sauberkeit und Ordnung. Auch Vollkommenheit, Weitblick, Frieden und Fairness werden ihr zugeornet. Sie kann aber auch langweilig, kalt und frostig wirken. Historisch galt Weiß als Statussymbol, da es den Reichen vorbehalten war, sich die Reinheit des Weiß´ zu erhalten. Weiß schwächt andere Farben ab und kann sogar deren Wirkung vollständig verändern (Rot und Weiß ergibt z.B. Babyrosa, das eher lieb, süß und beschützenswert als dynamisch und kraftvoll wirkt).

Wie Sie Farben für einen überzeugenden Auftritt im Business nutzen finden Sie auch in Ulrike Mayers Beitrag: Wenn Farben sprechen.

Konkrete Tipps für Ihr individuelles Styling fürs Vorstellungsgespräch

In Ihrem Gastbeitrag „Der erste Eindruck zählt – Styling im Vorstellungsgespräch“ beschreibt Susanne Ratz sehr zutreffend, an welchen klassischen Styling-Tipps Sie sich orientieren können, um im Vorstellungsgespräch, insbesondere in der Finanzdienstleistungsbranche und auch bei führenden Beratungsunternehmen, zu punkten. Diese Tipps eignen sich weitestgehend für alle Branchen und insbesondere bei der Bewerbung um Führungspositionen.

Beim Lesen habe ich allerdings gemerkt, dass sich bei mir innerlich immer mehr Widerstände aufgebaut haben, gegen die Haltung, die sich dahinter verbirgt. Unternehmen erwarten, dass sich die Menschen anpassen, einem bestimmten, einheitlichen Bild entsprechen müssen, um dazugehören zu dürfen. Dass Zeichen von Prestige und Stil wichtiger sind, als der Mensch und seine besonderen Fähigkeiten. Mainstream statt Individualität.

Ich habe mich gefragt, ob insbesondere die Generationen Y und Z sich in solchen konservativen Werten überhaupt noch wiederfinden oder gar leben wollen.

Natürlich sind gepflegtes Aussehen und Fachkompetenz unabdingbar für Erfolg im Beruf, aber müssen es überall das dunkelblaue Kostüm oder die Manschettenknöpfe sein, die Ihre Kompetenz zum Ausdruck bringen und für einen gelungenen ersten Eindruck sorgen?

Meine Erfahrung sagt NEIN und auch die Erfolgreichen unserer Zeit (s.u.) belegen dies.

Dr. Florence Gaub sagt in ihrem sehr lesenswerten Artikel „Kleider machen Politik„, dass Gesellschaften mit großen Hierarchien ausgesprochen viel Wert auf Kleidung legen.

170px-Stevejobs_Macworld2005. auf wikipedia

170px-Stevejobs_Macworld2005. auf Wikipedia

angela merkel bei erfolgreiche frauen.de

Angela Merkel bei erfolgreiche frauen.de

2-format2101 Dieter Zetsche Daimler Vorstandschef dpa Foto

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Die Geschäftsführerin von Facebook, Sheryl Sandberg am 19.04.2013 in Berlin. Sie stellt ihr Buch mit dem Titel "Lean in - Frauen und der Wille zum Erfolg" vor. Foto: Britta Pedersen/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++

Sheryl Sandberg am 19.04.2013 in Berlin. Foto: Britta Pedersen/dpa +++(c) dpa – Bildfunk+++

4,w=650,c=0.bild Vural Oeger aus Bild.de

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media.media.43ac0ba2-f728-4122-ba3a-4e38f2cbc4ab.normalized michelle obama Foto AP in stuttgarter Zeitung

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Styling fürs Vorstellungsgespräch ist also auch eine Frage der Branche und Hierarchien

Es gibt viele Branchen, insbesondere kleine und mittelständische Unternehmen und natürlich auch Startups, die mit diesen Kleiderordnungen schon lange gebrochen haben – vermutlich auch, weil in diesen Hierarchien heute kaum noch oder sogar gar keine Rolle mehr spielen. Da stellen sich Geschäftsführer mit Stoffhose, Hemd und Sakko ohne Krawatte vor ein breites Publikum, beraten Ingenieure ihre Kunden in gepflegter Jeans und (Polo)Hemd oder Vertriebs-Chefinnen reisen im schicken, durchaus auch hellen Hosenanzug zu Sales-Meetings und IT-Beraterinnen besuchen in schwarzer Hose und Bluse, ggf. mit leichtem Sommer-Blazer, ihren Auftraggeber. Im Büro ist es heute durchaus üblich, relativ leger, in Kleidung, in der man sich wohlfühlt, zu arbeiten.

Man möchte sich nicht mehr verkleiden, um zu blenden, sondern authentisch überzeugen.

Wenn Sie sich zu Ihrem Vorstellungsgespräch in diesen Unternehmen

  • etwas schicker als für den Arbeitsalltag kleiden (z.B. Sakko zur Jeans und T-Shirt),
  • auf eine gute Passform und einen Ihren Körperproportionen entsprechenden Schnitt achten,
  • Ihre persönlichen Vorzüge betonen und nicht zu viel Haut zeigen,
  • Farben tragen, die Ihnen schmeicheln und Ihre Persönlichkeit unterstreichen,
  • Muster vermeiden, die der Freizeit zugeordnet werden (Hawaiihemden, knallbunt), und nicht zuletzt
  • wohl in Ihrer Haut und Ihrem Outfit fühlen und dies auch ausstrahlen

sind Sie auf einem guten Weg.

Und Ihren gelungenen ersten Eindruck erzielen Sie, indem Sie Haltung zeigen. Gut vorbereitet, mit Ihrem offenen Blick, selbstbewusstem Lächeln und einem festen Händedruck (nicht quetschen) sowie einer aufrechten Körper-Haltung überstrahlen Sie ihr Outfit und überzeugen anschließend mit wahrem Inhalt.

Egal, wofür Sie sich entscheiden: Achten Sie auf Sauberkeit! Auch wenn Sie sich bei einem Bauunternehmen bewerben, sollten Ihre Schuhe nicht voller Lehm vom letzten Baustellenbesuch sein und das Büro verschmutzen. Bringen Sie dem Unternehmen die Wertschätzung entgegen, die Sie auch für sich erwarten.

Wenn Sie also bei der Wahl Ihres Arbeitgebers Wert darauf legen, dass dort der Mensch und nicht „nur“ die Hülle gesehen werden, suchen Sie konkret nach diesen Unternehmen. In Zeiten des Internets ist es ein Leichtes, den Spirit des Unternehmens durch authentische Bilder zu erspüren.

Wenn sich beide Seiten auf Augenhöhe begegnen, finden Menschen und Unternehmen zusammen, die zusammen passen!

Ich wünsche wertschätzende Gespräche und ein gutes Händchen für Ihr authentisch überzeugendes Styling.

 

 

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