Jan 17, 2018 von Sandra Gertzen Kategorie: Unternehmen 0 Kommentare

Es war einmal vor nicht allzulanger Zeit ein Unternehmen im Süden Deutschlands, das Probleme hatte, seine Ausbildungsplätze zu besetzen.

Doch statt zu jammern und sein Schicksal zu beklagen, ersann das Unternehmen einen Weg zur Lösung.

In der Region gab es zeitgleich viele arbeitssuchende Jugendliche, die zunächst ungeeignet schienen.

Sie hatten keinen vorzeigbaren Schulabschluss, lebten scheinbar ziellos vor sich hin  und hatten auch keinen richtigen Plan, dies zu ändern.

Da das Unternehmen daran glaubte, dass jeder Mensch seinen Beitrag leisten möchte, wollte es sich um diese Gruppe kümmern.

Gemeinsam mit einem Beratungsunternehmen entwickelte es ein Programm, diesen Jugendlichen eine Perspektive aufzuzeigen und sie für eine Ausbildung fit zu machen…

Und es gelang.

Die Joblinge waren geboren.

Joblinge – Vision: gemeinsam gegen Jugendarbeitslosigkeit

Was klingt wie ein Märchen ist zum Glück Realität.

Heute möchte ich Ihnen gerne eine erfolgreiche und zukunftsorientierte Initiative vorstellen, die es sich zum Ziel gemacht hat, benachteiligte junge Menschen zwischen 15 und 25 Jahren nachhaltig in den Arbeitsmarkt zu integrieren.

Mit diesem Programm haben gerade auch kleinere Unternehmen die Chance, dem eigenen Fachkräftemangel entgegen zu wirken.

Indem sie sich eine Zielgruppe erschließen, die bisher von vielen Arbeitgebern nicht beachtet oder gar als hoffnungslos und nicht verwendbar abgestempelt wird, können sie Ausbilden während andere noch jammern.

Die Erfolge von Joblinge zeigen, dass gerade diese Zielgruppe eine sehr dankbare ist.

Um das Konzept besser zu verstehen, habe ich letzte Woche die Joblinge Frankfurt Rhein-Main in Darmstadt besucht. Frau Christiane Schubert, stellvertretende Regionalleiterin der JOBLINGE gAG Frankfurt Rhein-Main, hat mir Einblicke in eine Initiative gegeben, deren Ergebnisse mich begeistern.

Joblinge – Entstehung

Entstanden ist diese Initiative 2007 als Antwort der Wirtschaft auf einen akuten Fachkräftemangel.

Damals hat die Boston Consulting Group GmbH gemeinsam mit der Eberhardt von Kuenheim Stiftung der BMW AG die Joblinge ins Leben gerufen, um „durch gemeinsames Engagement von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft Jugendlichen eine Perspektive für eine selbstbestimmte Zukunft zu geben“ (BCG Blog) und natürlich auch, um den eigenen Fachkräftebedarf zu decken. Hilfe zur Selbsthilfe mit nachhaltiger Wirkung.

Die Initiative ist ein Social Franchise Konstrukt mit einem ehrenamtlichen Aufsichtsrat. Dies bedeutet, dass die Zahlen offengelegt werden müssen und keine Gewinne erwirtschaftet werden dürfen.

Seit 2011 gibt es die Joblinge auch im Rhein-Main-Gebiet. Die Initiative soll kontinuierlich deutschlandweit ausgebaut werden.

Joblinge – Zielgruppe

Lt. der Broschüre der Joblinge und „Bildung in Deutschland 2012“ der Bertelsmann Stiftung

  • ist jeder zweite Hauptschulabgänger ein Jahr nach Schulende noch ohne Ausbildungsplatz
  • muss jeder sechste Jugendliche Langzeitarbeitslosigkeit fürchten
  • steigen die Anforderungen der Wirtschaft und die Chancen für Geringqualifizierte sinken weiter.

Genau hier setzet die Initiative an:

Die Teilnehmer am Joblinge-Programm sind

  • im Schnitt seit 3 Jahren im Übergangssystem zwischen Schule und Ausbildung
  • im Durchschnitt über 20 Jahre alt
  • haben max. einen Hauptschulabschluss
  • kommen zu 60% aus Hartz-IV-Familien…und sind
  • zu 65% männlich.

Anmerkung am Rande:

Dass Jungen im deutschen Schulsystem auch heute noch benachteiligt und leider nicht adäquat abgeholt werden (vergleiche u.a. Dokumentation des Deutschen Bundestages zur „Benachteiligung von Jungen im Bildungswesen“ von 2015) zeigt sich leider in dieser Übersicht sehr deutlich. Das Potential, das durch die Art der Gestaltung des Unterrichts, brach liegt, gar nicht erkannt wird und im schlimmsten Fall sogar verkümmert, ist enorm. Es wird dringend Zeit, dass sich dies ändert. Vorbilder gibt es in anderen Ländern durchaus.

Die Joblinge gehen zum Glück andere Wege und haben damit nachweislich Erfolg.

„Wir wollen von Anfang an Stärken identifizieren und fördern, nicht erst irgendwelche Schwächen erarbeiten. Dabei motivieren wir die jungen Menschen zu Dingen, die sie immer wieder aus ihrer Komfortzone herausholen. Die zeigen, dass es eben auch einer Anstrengung bedarf, aber wir sie unterstützen“, sagt Kadim Tas, Vorstand und Regionalleiter der Joblinge Frankfurt RheinMain, im Deutschlandradio.“

Joblinge – Programm über 6 Monate

Aus meiner Sicht nimmt sich die Initiative der Aufgabe an, die Joblinge dort abzuholen, wo sie gerade stehen, ihr Selbstvertrauen aufzubauen, ihnen eine Perspektive zu geben und den konkreten Weg zum Ziel aufzuzeigen. Bei den Joblingen finden die jungen Menschen Begleiter, die an sie glauben.

 Das Programm erstreckt sich über 6 Monate und wird intensiv begleitet. Dabei erlernen die „Joblinge“ zunächst in Gruppenprojekten wichtige Sozial-und Jobkompetenzen, erhalten Orientierung über eigene Stärken und passende Berufe, bevor sie dann in Partnerunternehmen Praxiserfahrung sammeln.

Das Programm im Einzelnen:

Quelle Joblinge Jahresbericht

Aufnahme

Um in das Programm aufgenommen zu werden, müssen die jungen Menschen zunächst in einer Einführungs- und Aufnahmephase beweisen, dass sie an ihrer Situation wirklich etwas ändern wollen. Sie müssen sich sozusagen die Teilnahme am Programm verdienen.

Während einer gemeinnützigen Arbeit haben sie die Gelegenheit aus der Opferrolle rauszukommen und erleben häufig erstmalig nach langer Zeit wieder wie es ist, gebraucht zu werden und selbst etwas Produktives zu leisten.

Orientierung und Praxis

Ziel der sechs- bis achtwöchigen Orientierungsphase ist es, dass die Jugendlichen ein für sie passendes Berufsfeld finden und sich gezielt auf eine Ausbildung für ihren Wunschberuf vorbereiten.
In dieser Phase durchlaufen die Joblinge, neben der  Arbeit mit den Betreuern und Trainern an Themen rund um Jobfindung und Kompetenzbildung, auch ein Kulturprogramm, in dem sie durch ungewöhnliche Erfahrungen persönlich wachsen.

Als  Frau Schubert z.B. einen Jobling nach Abschluss des Programms befragte, was ihre größte Herausforderung gewesen sei, antwortete diese ohne zu zögern – das Tanzprojekt. Danach befragt, was ihre schönste Erfahrung gewesen sei, erwiderte sie mit einem Schmunzeln: das Tanzprojekt. Sie habe vorher nicht geglaubt, dass sie der Aufgabe wirklich gewachsen sein und so etwas wirklich lernen könnte.

Während dieser Phase stellen Unternehmen ihre Berufe vor, ermöglichen Schnuppertage und entsenden auch Mentoren, die sich persönlich um jeweils einen Jobling kümmern.

In unternehmerischen Projekten lernen die Jugendlichen parallel ihre Stärken kennen und erwerben wichtige Schlüsselqualifikationen. So wurde beispielsweise ein Film über ein Berufsbild gedreht, das Sie sich hier ansehen können.

Darüber hinaus absolvieren die Joblinge bis zu drei Praktika von je 2 – 4 Wochen und lernen so verschiedene Arbeitgeber oder auch Berufe kennen. Durch die intensive Betreuung und gute Vorbereitung führt das Praktikum in der Regel dazu, dass Jobling und Unternehmen zueinander passen und direkt ein Ausbildungsvertrag geschlossen wird.

Anschlussphase

Auch wenn die reguläre Ausbildung beginnt, werden die Joblinge nicht allein gelassen. „Die Mitarbeiter und die persönlichen Mentoren bleiben den Joblingen und auch den Unternehmenspartnern in der Anschlussphase als Ansprechpartner erhalten. Bis zum Ende der Ausbildung unterstützt der JOBLINGE-Ausbildungsbegleiter nicht nur bei persönlichen Problemen, sondern bietet zudem gezielte Trainingsmaßnahmen und Workshops für Auszubildende sowie Fachseminare und übergreifenden Austausch für Ausbilder an.

Die Erfolge sprechen für sich

und geben dem Programm recht: Die Vermittlungsquote der Joblinge gAG Frankfurt Rhein Main lag im Zeitraum 2011 bis Nov 2017 bei 84%!!!

1550 Personen wurden in das Programm aufgenommen, 1305 haben es bereits  beendet. 104 sind aktuell noch im Programm aktiv. Von den Absolventen wurden nur 27 nicht vermittelt, 41 sind in Unterstützungsangebote wie z.b. Freiwilliges Soziales Jahr vermittelt worden.

Die Nachhaltigkeitsquote (die Joblinge waren länger als 6 Monate in der begonnenen Ausbildung) liegt bei 87%.

Aus diesen Gründen und weil ich es gut finde, erfolgreiche und vor allem nachhaltige Projekte zu unterstützen, statt Ähnliches selbst aufzubauen, empfehle ich das Joblinge-Programm ausdrücklich – sowohl für die Förderung als auch als gute Möglichkeit, sich als Unternehmen als Ausbildungs- / Praktikumspartner zu engagieren. Auch Mentoren aus der Wirtschaft werden laufend gesucht.

Neben dem sozialen Engagement bekommen Sie eine excellente Chance, Auszubildende für sich zu gewinnen, die sich hochmotiviert und loyal für ihre Ausbildung engagieren werden.

Informieren Sie sich gerne direkt beim Team der Joblinge Frankfurt oder sprechen Sie mich an.

Bei den Joblingen Frankfurt gibt es momentan darüber hinaus ein sehr spannendes Pilotprojekt, das ich Ihnen im nächsten Jahr gerne vorstelle – Joblinge goes MINT!

Sie haben bereits Erfahrung mit den Joblingen gemacht? Hinterlassen Sie gerne einen Kommentar.

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